Orte des Aufwachens. Über die Entfaltung einer Initiativ-Gemeinschaft

Das letzte Treffen der Stiftung am 25. Februar in all seinen Aspekten zu beschreiben, würde mich überfordern. In den Gesprächsrunden und auch in den Pausen wurden zahlreiche Intentionen, Sichtweisen, Beschwerden und Hoffnungen ausgesprochen, die sich nicht so leicht zusammenfassen lassen. Klar war allerdings – und vielleicht ist diese Feststellung im Moment die Wichtigste – dass die etwa dreißig Teilnehmer/innen voller Tatendrang dabei waren. Happy oder gerade nicht happy, gelassen oder ungeduldig, voller Hoffnung oder ein bisschen verzweifelt.

Startpunkt des Treffens war der Film „Berufswege“ von Caroline Schwarz und Joshua Conens. In dieser Film wird an Hand dreier Beispiele gezeigt, wie schräg, ungewöhnlich und unerwartet die Berufsfindung, oder vielleicht besser gesagt „die Tätigkeitsfindung“ in der heutigen Zeit verlaufen kann, manchmal auch verlaufen muss. Wenn ein Mensch vorhat, das zu tun, was sie oder er in dieser Welt wirklich machen WILL, sieht der Weg zum Ziel manchmal abenteuerlich aus. „Abenteuer“ kommt vom Lateinischen „Adventura“, es lässt sich treffend übersetzen mit „Was auf uns zukommt“.

Die Arbeitsfrage des Treffens lautete: „Welche Bedeutung hat der Film für die Zukunft der Stiftung?“ In den Beiträgen in den Runden und den Pausen schienen sich diesbezüglich drei Ebenen herauszukristallisieren.

Die erste Ebene betrifft die Klärung einiger Kernbegriffe, die in unserem Denken über „berufliche“ Tätigkeiten eine entscheidende Rolle spielen. Was bedeutet eigentlich „Arbeit“? Was ist eigentlich „Geld“? Wie beziehen sich die Begriffe „Person“ und „Projekt“ auf einander? Auf diese Ebene, so wurde deutlich, bedarf es künftig weitere Diskussionen über die unterschiedlichen Auffassungen.

Die zweite Ebene könnte mit dem Begriff „Raum zur Begegnung“ angedeutet werden. Viele der Anwesenden hatten das Bedürfnis von ihren (manchmal ziemlich ungewöhnlichen) persönlichen beruflichen Anliegen zu erzählen sowie von den Vorhaben und Initiativen der anderen zu erfahren. Schon erstaunlich war die Tatsache, dass mit den dreißig Teilnehmern/innen auch eine Reihe Initiativen im Raum standen. Oder eben gerade nicht, weil wir nicht genug Zeit hatten, uns über alle auszutauschen.

Die dritte Ebene ist am schwierigsten zu beschreiben, scheint mir allerdings die Entscheidende zu sein. Das Verlangen, die Erfahrungen der anderen zuteilen, hatte die Qualität des Mitmachen-Wollens, des Ermöglichen-Wollens, des Gestalten-Wollens. Alle wollten zum Erfolg der anderen beitragen. Die eigentliche Kraft des Treffens lag zwar noch halbwegs verborgen, wie in einem Schlummern, in einem aufwachenden Frühlingspotenzial. Auf dieser Ebene könnte von einer möglichen „Initiativ-Gemeinschaft“ gesprochen werden.

In meiner Sprache bedeutet dies, dass eine Kultur des Herzens im Entstehen war. Mit der Entfaltung dieser Kultur des Herzens – ein Begriff des holländischen Anthroposophen Bernard Lievegoed – gehen manchmal dunkle Phänomene einher: Dort wo Licht erscheint, entstehen sofort Schatten. Sie zu negieren ist gerade nicht hilfreich, denn sie können paradoxerweise helfen, das Licht erst wahrzunehmen. Im Rückblick scheint mir einer der Schatten zu sein, dass wir (die Gruppe) an bestimmten Erwartungen festhielten. Zum Beispiel dem Bedürfnis, ein „forschendes“ Gespräch zu führen. Oder einen Raum der Begegnung zu öffnen. Oder eben ins Handeln zu kommen.

In der Zukunft wird die Gestaltung der Treffen der Zukunftsstiftung, sollen sie wirklich zu „Orte des Erwachens“ werden, entscheidend sein. Forschung, Begegnung und Handeln sind nicht austauschbar, sie werden alle drei gebraucht, können sich allerdings nur dann entfalten, wenn sie nicht gegeneinander ankämpfen müssen. Ich lebe deswegen im Moment mit der Frage, wie weitere Treffen aussehen könnten, wie sie in Raum und Zeit so gestaltet werden, dass Forschung, Begegnung und Handeln in einer harmonischen Beziehung zueinander treten können.

Ich stelle mir (sagen wir: zweimal im Jahr) Treffen vor zwischen Menschen, die etwas vorhaben, was in ihren Herzen begründet ist, und Menschen, die vorhaben, anderen Menschen diesbezüglich zu unterstützen. Dabei ist egal in welcher Kategorie die jeweiligen Vorhaben sich bewegen: Bildung, Entwicklungshilfe, Landwirtschaft, Kultur, Wirtschaft… Die Treffen beginnen mit einer „Begegnung“. Frei und ausgiebig wird von den Vorhaben erzählt, die Zuhörer fragen nach, Gespräche entstehen in der großen Runde oder auch in kleineren Gruppen.

Anschließend wird in einer zweiten Gesprächseinheit ein aktuelles Thema angegangen, beispielsweise die Frage: Was macht eigentlich den Begriff Arbeit aus? Oder: Wie ist die Begegnung als Quelle der Zukunft zu verstehen? Oder: Wie schauen wir so auf Schattenseiten, dass sie uns helfen unsere Vorhaben besser zu verstehen? Diese „forschende“ Gespräche werden moderiert, dokumentiert und veröffentlicht (als Text, als Video, usw.).

Eine dritte Einheit ist eine Handlungseinheit. Dort geht es schließlich um die Frage, wie die konkreten Vorhaben unterstützt werden können, was sie brauchen, um sich weiter entfalten zu können. An dieser Stelle geht es darum, Ideen, Fähigkeiten und, falls nötig, finanzielle Mitteln einzubringen. Auf diese Art und Weise könnte tatsächlich eine „Initiativ-Gemeinschaft“ entstehen, die offen ist für Menschen, die aus ihren Herzen die Zukunft unserer Gesellschaft mit gestalten wollen.

So weit meine Vorstellungen. Ich bin gespannt zu erfahren, welche Vorstellungen ihr habt.

Herzlich,
Jelle van der Meulen, Köln

Einladung zum Stiftungstreffen

Liebe Stiftungsfreunde,
zum nächsten öffentlichen Treffen der Zukunftsstiftung Soziales Leben möchten wir Sie und Euch alle sehr herzlich einladen. Es findet am 25. Februar 2012 von 11 bis 18 Uhr in Bochum, Christstraße 9 statt.

Berufswege - so der Titel des Filmes von Caroline Schwarz und Joshua Conens, mit dessen Vorführung wir das Treffen starten werden. Warum? Weil wir diesen Film als einen guten Einstieg verstehen in ein offenes und öffentliches Gespräch über die nächsten ganz konkreten und praktischen Schritte zur Weiterentwicklung unserer Stiftung.
Menschen kommen ins Bild und zu Wort, die ihren individuellen Weg in die gegebene Welt suchend gehen. Es sind Menschen, die Entscheidungen getroffen haben: sich sozusagen an den Nullpunkt zu stellen, die Routine eines konventionellen Ausbildungs- und Berufsweges zu stoppen, sich selbst stattdessen ernst zu nehmen mit der Frage: wie gehe ich meinen ureigenen Lebens-Weg und wie begegne ich so tätig und verwandelnd der Welt und in ihr mir selbst? Wie komme ich auf diesem Weg, der mein Lebens-Weg ist,  ins Gespräch mit der Welt? Wie kann ich in der Begegnung mit der Welt wach werden für das, was not tut  in der Welt und in mir selbst?
Die Zukunftsstiftung Soziales Leben wird in diesem Jahr 12 Jahre alt, so alt wie unser neues Jahrhundert und Jahrtausend.
Wir meinen, es macht Sinn, wenn in diesem 12. Jahr ein neuer Einschlag in die Stiftung kommt. Deshalb wollen wir die Stiftung verwandeln, bis in ihre Struktur hinein. Und dies wollen wir möglichst öffentlich tun: alle, die an diesem Prozess interessiert sind, sind zur Mitarbeit eingeladen!
In diesem Sinne ist das Treffen am 25. Februar eine Vorbereitung für die Klausur-Tagung der Stiftung im März. Dort wollen wir ein neuen Konzept erarbeiten.

Öffentliches Arbeiten:
Dazu gehört auch unser Blog, den es seit Sommer 2011 gibt. Dort gibt es schon einige sehr bemerkenswerte Texte und Kommentare. Schön wäre es, wenn daran noch intensiver mitgearbeitet werden könnte, ab sofort und dann nach dem 25. Februar.
Unsere Stiftung und die Treuhand in Bochum haben mit Geld zu tun. Die Fragen, die durch den Film Berufswege geweckt werden können, haben auch mit Geld zu tun.
Am 9. November 2011 war ein zentrales Thema das Verhältnis unserer Stiftung zur Initiative Grundeinkommen. Im Gespräch zwischen Adrienne Göhler und Johannes Stüttgen  im Blog zu hören  wird der Unterschied der Fragestellung deutlich: Johannes Stüttgen, Mitglied des Kuratoriums unserer Stiftung, stellt den Arbeitsbegriff ins Zentrum, nicht den Einkommens-Begriff.
Und da geht es weiter am 25. Februar: Welche Tätigkeit des einzelnen Menschen soll als Arbeit und damit als gemeinnützig gefördert werden, und was sind die geeigneten Methoden dieser Förderung?

Wir haben den folgenden Tagesablauf geplant:

Zeit TOP Thema
11:00 Uhr 1 Begrüßung, Übersicht über den Tag
Johanna Giovannini
11:30 Uhr 2 Berufswege  Filmvorführung
13:00 Uhr Mittagessen
14:00 Uhr 3 gemeinsames Gespräch zum Film mit der Frage: was hat der Film mit der Stiftung zu tun?
16:00 Uhr Kaffeepause
16:30 Uhr 4 Thesen von Johanna Giovannini  und Jelle van der Meulen und gemeinsames Gespräch: Zukunftsstiftung Soziales Leben in der Treuhand Ort des Aufwachens Knotenpunkt einer Kultur des Herzens
17:30 Uhr 5 Ausblick auf die nächsten Arbeitsschritte zur Verwandlung der Stiftung und anschließend gemeinsamer Imbiss

 

Da die Veranstaltung öffentlich ist, kann diese Einladung an alle Interessierte weitergegeben werden. Um besser planen zu können, bitten wir um Anmeldung zur Teilnahme bis spätestens 20. Februar 2012, und zwar unter der Email johgio@t-online.de bzw. Tel.Nr. 07551-9452563.
Es besteht in begrenztem Umfang die Möglichkeit, Fahrtkosten (teilweise) zu erstatten. Wir bitten, dies im Einzelfall zu beantragen mit der Anmeldung unter Angabe der Höhe der anfallenden Fahrtkosten.

Wir sind gespannt auf unsere Begegnungen am 25. Februar und grüßen alle herzlich!
Zukunftsstiftung Soziales Leben
Johanna Giovannini und Jelle van der Meulen

Wie bleibt das Herz nahe?

Zum Artikel Eine schöne Reihe von Fragen: Wie es weiter geht.

Von Georg Dahlhausen

Im Verlauf des letzten Jahres hat mich immer wieder sehr das STAUNEN beschäftigt. Es war bei mir in Weihnachts- und Adventszeit angekommen und im Zusammenhang damit das Loslassen und die Freude (auch in den Kinderaugen). Es war mir ein Anliegen, im Alltag nicht gleich auf Erlebtes zu reagieren, sondern nach Möglichkeit zunächst zu staunen, was auch heißen kann, innehalten, fragend werden und dies eben, so lange es im jeweiligen Moment fruchtbar sein mag. Es kann sein, dass Unruhe den Hinweis anbietet, ins Üben zu kommen. Dies alles erzeugt dann mehr Achtsamkeit, das heißt ein Gewahrwerden der eigenen Befindlichkeit.

Darüber hinaus hab ich den Eindruck, dass in diesem Raum der Achtsamkeit sich etwas mitteilen kann, sich Sätze bilden, die vom Herzen kommen aber auch möglicherweise Eingebung aus der geistigen Welt mitführen. Voller Dankbarkeit, dies Ostern in besonderer Situation einfach erleben zu dürfen, möchte ich das Gedicht „Ostern“, auch wenn es manche von Euch kennen, noch mal hier anführen:

Ostern

Und Blütenstaub legt sich über Alles
Gelb
Wie Gedanken aus der geistigen Welt

Angekommen, kannst Du sie sehen.
Mit dem Finger streifend aufgenommen,
angeschaut,
zwischen Fingern zerrieben,
lösen sich kleine Bilder.

Lässt Du sie malen in Dir,
Freude,
mit Freude sinnend,
Innenraum erlebend,
Gedanken.

Loslassend kann Raum sein,
freie Gedanken werden deine,
für Dich,
und damit für die Welt,
Lächeln

Für die Welt, für den Himmel,
wo sie herkamen,
sich auf Blüten freuend,
Sein können,
hoffend, dass Du willst.

Lächeln

Bedeutet dies, dass ich mit dieser Achtsamkeit Raum schaffe, auch damit Eingebungen haben kann, die gerade in dem Moment zu mir, in die Welt wollen?
Wie kann ich mich überhaupt liebevoll mit meinem Herzen verbinden? Entsteht eine innigere Verbindung, wenn ich meine Aufmerksamkeit nicht nur zu meinem Herzen lenke, sondern wenn ich dazu nehme, dass es mein individuelles Herz, MEIN HERZ, ist?
Was geschieht, wenn ich mir Zeit nehme, für eine Meditation mit diesem Bild, eben, was für ein Bild entsteht in mir, wenn ich Individuelles von meinem Herzen hören will?
Wie kommt es zu einem Herzensanliegen? Individuelle Gedanken und dann eben Herz?

Vor einigen Wochen sprach ich mit einem Freund über das Leben, ein wenig über Leid und, wie gehe ich damit um und dann schilderte er mit einem Satz, wie er seit seinem Herzinfarkt auf sein Herz achten muss. Ganz plötzlich entstand kurz eine sehr innige, andächtige Ruhe zwischen uns,…und eben so eine Stimmung von Bedeutung für die Welt…Das Ganze geschieht gegenüber, vor der (Geld-)bank an der Straße…, mitten im Getriebe des Alltags.

Im Alltag geht es ja oft darum, Recht zu haben, oder auch für mich allein: was ist richtig? Und so geht es wohl immer mehr darum, nicht Recht, sondern Herz zu haben, denn was vom Herzen kommt, macht keine Mühe.

Im letzten Sommer wollte ich plötzlich für zwei volle Tage ans Meer, zum einen, um gute Sätze für meine Homepage zu finden, aber auch: Einfach so.

Dort angekommen, habe ich gestaunt: Wellen, verschiedenste große und kleine Wellen, vor allem kleine, sich überschneidende, beim Rückzug des Wassers zur Ebbe: Zurückgelassene Sandformen verschiedenster Art.  Allein, immer wieder, viele Stunden am Tag möglichst wenig denken, Staunen, Aufnehmen, Andacht und alles Üben, immer wieder üben. Besonders schön war eine kleine Sandbank, die in ihrer makellosen Form bei zunehmender Ebbe sich zeigte und um die herum die vielfältigsten Wellenformen und auch endlos viele kleinste Sandformen zu bestaunen waren. Einfach Aufnehmen, Aufmachen um aufzunehmen, lange und immer wieder…

Dann, am Morgen des Abfahrtstages wollte ich noch mal schauen und eben auch „meine Sandbank“ sehen. Ich war aufgeregt und als ich sie dann sah, bekam ich einen wie verliebten Stich im Herzen. Hatte sich die ganze Zeit unbemerkt der Weg zum Herzen geöffnet?

Ja, es bleibt ein Übungsweg und wir können ja auch nur immer wieder üben, im Gespräch so ganz nebenbei auf das eigene und auf das Herz des Anderen zu hören.

Ein glückliches, herzergreifendes und herzerfrischendes Jahr wünsche ich Euch,
von Herzen, natürlich,
Euer Georg

Eine schöne Reihe von Fragen: Wie es weiter geht.

Die Fragen sind sehr hilfreich: „Wie sehen die Impulse der Zukunftsstiftung für das folgende Jahr aus? Was erwartet Ihr? Was wünscht ihr Euch? Wo steht Ihr im Moment und in welche Richtung geht der Weg vielleicht weiter? Und vor allem: Was wächst am Wegesrand? Ich bin gespannt von Euch zu lesen! Herzlichen Gruß und die besten Wünsche.“

Diese aufmunternden Fragen wurden letzte Woche auf diesem Weblog gestellt. Die Autorin heißt „Maria“, ich bin mir nicht sicher, ob ich sie kenne, es könnte allerdings durchaus sein, weil ich mal mit einer „Maria“ gesprochen habe, die wohl im Stande ist, die richtigen Fragen zu stellen. Ich werde versuchen, die Fragen zu beantworten.

Worum es uns in der Zukunftsstiftung im Moment genau geht, brauche ich heute nicht zu beschreiben. Unser Anliegen ist bereits in früheren Beirägen beschrieben worden, und wenn Du – liebe Leserin und lieber Leser – zurück in der Zeit scrollst, kannst Du sehen, worum es sich bei unserem Anliegen handelt. Heute geht es darum, einen Blick in die Gegenwart und die nächste Zukunft zu werfen.

Tatsache ist, dass wir für Samstag den 25. Februar in der GLS Bank in Bochum ein Treffen geplant haben. Alle Menschen, die sich angesprochen fühlen, sind herzlich eingeladen. Die Veranstaltung wird wie eine Werkstatt der Begegnungen sein, wo Vorsätze vertieft und Entschlüsse gefasst werden können. Im Kern des Geschehens wird die Frage stehen: Was brauchen die Einzelnen, um zu der höchst persönlichen Lebensaufgabe zu gelangen? Anders gesagt: Wie werden „Missionen“ entzündet und durchgeführt?

Die Stiftung ist ein Ort der Begegnung. In den letzten Monaten hat sich eine kleine Gruppe von Menschen gebildet, die gemeinsam einen Weg suchen. Weil es um konkrete Menschen geht, nenne ich hier ihre Namen: Joshua Conens, Johanna Giovannini, Jelle van der Meulen, Fabian Pannitschka und  Johannes Stüttgen. Wir haben die Hoffnung, dass neue Leute dazu stoßen, egal wie alt und erfahren oder jung und begeistert, wie gepolt und gestrickt sie sind, ob sie von rechts nach links oder von links nach rechts ticken, oder eben von unten nach oben.

Unsere Arbeitsfrage bezieht sich auf die Aufgabe der Zukunftsstiftung Soziales Leben. Wie können die Fragen der Lebensaufgaben – auch in finanzieller Hinsicht, aber nicht nur – in weiteren Kreisen bewegt werden? Wir werden das Treffen im Februar damit anfangen, dass wir uns den Film „Berufswege“ von Joshua Conens und Caroline Schwarz anschauen. Dieser zeigt detailliert, wie drei Menschen diesbezüglich ungewöhnliche Wege gehen.

„Was wächst am Wegesrand?“ Ganz viel. Jede und jeder Beteiligte kann an dieser Stelle seine eigene Perspektive zu vermitteln, seine eigene Geschichte zu erzählen. Für mich persönlich gilt, dass die Zukunftsstiftung sich im Sinne von Bernard Lievegoed zu einem Knotenpunkt einer „Kultur des Herzens“ entwickeln könnte. (Mehr über die Kultur des Herzens unter: http://jellevandermeulen.blogspot.com) Meine Frage ist schon lange: Wie können existierende Institutionen zu solchen Knotenpunkten verwandelt werden? Und: Geht das überhaupt? Am Wegesrand finde ich viele praktische Antworten, die lebensnah und manchmal überraschend sind.

Jelle van der Meulen, Köln

Fabian Pannitschka: Weiter Diskutieren über Orte des Aufwachens

„Lieber Jelle, ich frage mich jetzt, was genau weiter aus dem Treffen am siebten November in Bochum wird. Im Großen und Ganzen fand ich das Treffen schön und stellenweise auch inspirierend. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Kommunikation doch deutlich zielgerichteter werden könnte, wenn es um das nächste Treffen geht.

Während des Treffens wurden die „Orte des Aufwachens“ deutlich zum zentralen Thema. Daran könnten wir weiter arbeiten. Dazu könnte man verschiedene Fragen stellen. Was habe ich (ich meine jetzt alle Beteiligten) in meinem Leben für Aufwachorte erlebt? Wie erschienen diese mir aus der Perspektive des „Aufwachenden“ und wie aus der der „Möglichmacher“, also der Aufwachort-Schaffer?

Dazu könnte man einige Fragen entwickeln, die bereits von den Teilnehmern bearbeitet wurden, bevor man in der großen Gruppe die „Ergebnisse“ zusammenträgt. Sicherlich müsste dann auch auf Dinge geachtet werden wie: Was befähigt uns eigentlich, Aufwachorte für andere kreieren zu können oder zu müssen?

Was hat es mit dieser  „Wertung“ auf sich? Wie könnte es konkret aussehen, selbstlos andere an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen und so auch ohne Ego einen Sinn und eine Notwendigkeit darin zu finden, mögliche Aufwachorte zu gründen?

Du siehst, das Treffen und besonders aber auch das Thema wirken in mir nach. Ich habe ein sehr großes Interesse daran, mit Menschen in die Forschung zu gehen. Und damit meine ich eben solche Fragen gemeinsam mehr und mehr zu beantworten.

Wo genau findet jetzt die weitere Diskussion statt? Auf dem Blog? Nach dem Kommentar hat sich da ja nichts mehr getan, was mich ehrlich gesagt verunsichert. War das komisch? Oder am falschen Platz? Wo geht die Diskussion jetzt weiter?

Ich danke dir und wünsche dir alles Gute.
Fabian Pannitschka“

Innere Mobilität. Drei junge Menschen in einer Kirche in Bochum

Der Kreis ist groß, die Bochumer Kirche um den Kreis noch größer. Die Stimmen der Menschen scheinen in der Weite verloren gehen zu wollen. Sie befinden sich dort, wo es keine Sicherheiten über die gemeinten Bedeutungen mehr gibt. Ich sitze in diesem Kreis und höre zu. Ich habe das Gefühl: Die Worte kommen über Umwege zu mir, sie haben sich hinter der Grenze der Eindeutigkeit etwas abgeholt, was nun mit flüstert.

Echo bedeutet manchmal Zukunft. Drei „junge Menschen“ (was sind das eigentlich, „junge Menschen“?) haben gerade von ihren Vorsätzen, Anliegen und Intentionen erzählt. Lissy Soltau aus Aachen hat angefangen: „Ich definiere mich über das, was ich tue“. Dann kam Joshua Conens aus Berlin: „Ich übe Selbstbestimmung“. Und Fabian Pannitschka aus Bremen sagte: „Ich betrachte mich als Friedensarbeiter“.

Wenn ein junger Mensch redet – oder besser gesagt, wenn das, was im Menschen jung ist, sich offenbart – kann man in einen Zeitstrom aufgenommen werden, der von der Zukunft aus auf uns zukommt. Man kommt in eine Gegenwart, die im Kommen ist. Ich weiß nicht, wie es den anderen dabei geht; bei mir ist es so, dass ich immer ein bisschen Zeit brauche, um die Zukunft zu hören. Dafür muss ich immer wieder auf eine ganze Menge Sicherheiten und Vorstellungen verzichten, um mich in eine Natalität (Hannah Arendt: das in uns, was immer wieder neu geboren werden will) hinein zu fühlen.

Ohne Echo gibt es aus der Zukunft nichts zu hören. Was von uns ausgeht, beispielsweise die Worte, die wir in einer so großen Kirche sprechen, beziehen sich immer auf die Vergangenheit, und wenn wir Glück haben, vielleicht auch ein kleines bisschen auf die Gegenwart. Die Zukunft, so läuft es jedenfalls bei mir, ist erst im Nachhinein zu erwischen, erst dann zu hören, wenn ich wieder ganz bei mir bin, aufgewacht bin, nachdem ich in den Worten eingeschlafen war.

Die Erzählungen von Lissy, Joshua und Fabian klingen – es sind nun fast zwei Wochen vergangen – noch immer in meinen Ohren. Ich hatte mich sofort nach dem Treffen in der Kirche dazu entschieden, ihre Erzählungen in mir wirken, weben und walten zu lassen, einfach so, ohne sie zu paraphrasieren, zu analysieren, zu bewerten.

Aber was meine ich nun zu hören, wenn ich zwei Wochen später neu auf die drei „Sprachgestalten“ schaue, wenn die vielen kleinen Einzelheiten verschwunden sind und ein Gesamteindruck sich in mir weit und breit gemacht hat?

Ich höre drei Menschen, die bereit sind, sich verletzbar darzustellen, sich als offene Frage bloß zu stellen, Frage zu werden, nicht nur im vertrauten Geheimraum der eigenen Innerlichkeit, sondern auch in einer offenen Gesellschaft (Ja, ich denke wohl an Karl Popper wenn ich schreibe: „offene Gesellschaft“.), wo andere Menschen zuschauen, zuhören, Gedanken und Gefühle haben, sich freuen oder gerade verärgert sind.

Ich höre drei Menschen, die die Kunst des gemeinsamen Suchens bereits halbwegs beherrschen, deutlich besser als ich, und gerade einen Wert darin sehen, verletzbar-und-deswegen-verlässlich über die Schwelle der Eindeutigkeiten zu gehen. Auch wenn es vielleicht manchmal anders aussieht, beschäftigen sie sich nicht damit, alte und bekannte Gedanken irgendwie neu zu organisieren. Sie sprechen in der Hoffnung, dass die Sprache im Echo des aktuellen Geschehens sich verwandelt und über das bereits Gewordene hinausgeht.

Ich höre drei Menschen, die frei sein wollen, nicht dadurch, dass sie krampfhaft versuchen, sich selbst zu bestimmen (auch wenn Joshua Conens sagt: „Ich übe Selbstbestimmung“), oder quasi-vernünftige Konzepte entwerfen und in ihren Biographien umsetzen. Sie wollen frei sein zum Spielen, zum Atmen, zum Reagieren und Agieren, wollen frei von Phrasen, Routinen und Konventionen sein. Sie wollen frei sein, um sich vom Leben und von der Welt immer wieder neu bestimmen zu lassen. Es ist schon richtig an dieser Stelle von „Mobilität“ zu sprechen.

Das bedingungslose Grundeinkommen: Über eine Debatte in Bochum

Übrigens: Das ganze Gespräch können Sie jetzt auch herunterladen und anhören.

„Ängste blockieren die Kreativität“, sagt die Psychologin Adrienne Goehler. Sie war Gründungsmitglied der Grünen, Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und Senatorin in Berlin. Zusammen mit Götz Werner veröffentlichte sie 2010 ein Buch über das bedingungslose Einkommen. „Das Grundeinkommen“, sagte sie bei der jüngsten Stiftungsversammlung, „bedeutet eine Ermächtigung zur Selbstermächtigung“. Und: „Es könnte zu Entschleunigung beitragen“.

„Liebe Adrienne“, reagiert Johannes Stüttgen, „ich will dir gar nicht wieder sprechen, ganz im Gegenteil: alles was Du sagst, ist tief begründet.“ Stüttgen ist Künstler und Redner. Man könnte genau so gut sagen, dass er sein Leben der Idee der Sozialen Plastik von Joseph Beuys gewidmet hat. Mit der Art und Weise wie in Deutschland über das Grundeinkommen gesprochen wird, hat er ein Problem. „Was fehlt“, meint er, „ist ein klarer Begriff der Arbeit“. Und: „Ein Grundeinkommen für jeden? Klar, nur nicht für mich!“

Goehler und Stüttgen sind von der Zukunftsstiftung Soziales Leben eingeladen worden, über das Grundeinkommen zu diskutieren. Es ist Mittwoch, der 9. November. Etwa fünfzig Leute haben sich im Oskarhaus in Bochum versammelt und hören zu. Sofort öffnet sich in dem Gespräch ein Abgrund – Adrienne Goehler erzählt, wie sie in ihrem Leben auf den Gedanken des Grundeinkommens gestoßen ist, Johannes Stüttgen erzählt gar nichts, er fängt einfach an laut zu denken. Einander gegenüber stehen Beschreibungen von Erfahrungen und Ideen.

„Als Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin“, erzählt Goehler, „stellte ich fest, dass die Welt der Politik zerstückelt ist. Kunst, Umwelt, Gesundheit, Wohnen und Einkommen sind Themen, die streng von einander getrennt werden, sie sind über amtliche und politische Zuständigkeiten definiert. Kunst und Kreativität sind allerdings wirksam in allen Gebieten des Lebens.“ Für die  Bedeutung und Wirkung der Kunst eine Verantwortung nehmen, heißt laut Goehler also, dass eine übergeordnete Perspektive eingenommen werden muss.

Und da liegt aus ihrer Sicht die Verschränkung mit dem Grundeinkommen. „Als Psychologin ist mir bekannt, dass es vor allen unsere Ängste sind, die kreatives Handeln verhindern. Man sollte keine Angst um seine Lebensgrundlage haben müssen, deswegen ist ein Grundeinkommen absolut notwendig. Wenn die Bürger frei sind von ihren existentiellen Ängsten, können sie kreativ werden.“ Sie verweist auf Thomas Morus, der meinte, dass jeder Mensch ein Recht auf seine Existenz habe, gerade weil er nie gefragt worden sei, ob er überhaupt leben will.

„Klar!“, sagt Stüttgen ein bisschen ungeduldig, „alleine wegen der herrschenden schlechten Arbeitsumstände wäre ein Grundeinkommen eine Hilfe. Allerdings müssen wir uns vor allem klar machen, was Arbeit eigentlich ist.“ Dann führt er aus: „Ich gehe anders als Thomas Morus gerade davon aus, dass jeder Mensch die Entscheidung getroffen hat, leben zu wollen. Und warum trifft er diese Entscheidung? Weil es in seinem Leben etwas ganz Bestimmtes zu tun gibt. Die Tatsache des Geboren-Werdens enthält bereits den Begriff der Arbeit.“

„Ein Maler will malen“, sagt er weiter, „er ist gar nicht interessiert an der Frage, wie seine Bilder ein Einkommen generieren können. Was ihn als Maler beschäftigt, ist die Frage, wie seine Bilder stimmig werden. An dieser Stelle müssen Arbeit und Einkommen gedanklich getrennt werden, weil eine Vermischung unstimmige Bilder hervorruft. Andererseits bleibt es natürlich eine Tatsache, dass Arbeit und Einkommen mit einander zu tun haben. Das Einkommen, das man kriegt, muss irgendwie erzeugt werden.“

Nun hören die Zuhörer auf Zuhörer zu sein. Sie mischen sich ein, stellen Fragen und äußern ihre Meinung. Johannes Stüttgen betont immer wieder, dass es aus seiner Sicht um die Klärung der Begriffe geht: Was genau ist Geld? Was meinen wir mit Einkommen? Welches Verständnis von Arbeit brauchen wir? Adrienne Goehler spricht immer wieder davon, dass die Menschen von den gesellschaftlichen Zwängen befreit werden müssen. Der erste Schritt, so scheint sie zu sagen, liege nicht darin, dass wir die Begriffe klären würden. Der erste Schritt müsse sein, das bedingungslose Einkommen umzusetzen: „Johannes, ich freue mich, dass du dich um die Klärung der Begriffe kümmerst, ich werde weiterhin unterwegs sein, um zur Realisierung des Grundeinkommens beizutragen. Ich glaube, dass Taten gefragt sind“.

Taten? Sind Klärungen der Begriffe keine Taten? Am nächsten Tag schickt ein schweigsamer Zuhörer, Joachim Wintjes aus Essen, mir eine E-M: „Ist das [das bedingungslose Einkommen] der Kick, den wir brauchen, oder sacken wir nur tiefer in den Fernsehsessel? Ich weiß es nicht. Jedenfalls finde ich es ganz wichtig, das Thema völlig frei von Sozialkitsch zu halten und sich immer wieder zu fragen: Bin ich an der Sache wirklich dran, oder lebe ich mal wieder wohlig meine mich selbst so befriedigenden Gutmenschphantasien aus? Begriffsarbeit wie Stüttgen sie praktiziert (auch wenn ich nicht alles verstehe und noch weniger behalte), ist da für mich unerlässliche Voraussetzung.“

Das ganze Gespräch können Sie auch herunterladen und anhören.

Einladung zur Stiftungsversammlung

Liebe Stiftungsfreunde,

sehr herzlich einladen möchte ich Sie und Euch zu der im Juli dieses Jahres angekündigten Stiftungsversammlung am 9. November 2011 von 11 bis 18 Uhr in Bochum, Oskar-Hoffmann-Straße 25.

Unsere Stiftung ist auf einem guten Wege. Immer mehr zeigen sich die richtigen Fragen – was nicht heißt, dass Antworten schon da wären! Wichtig für die  Zukunft der Stiftung ist JETZT die Öffnung für neue Menschen, auch junge Menschen, die ganz neue Wege im verantwortlichen Umgang mit Geld suchen und versuchen. Das sieht der Vorstand der GLS Treuhand auch so.

Erste Schritte der Öffnung haben bereits stattgefunden: Gespräche haben begonnen mit Verantwortlichen anderer Arbeitsbereiche der Treuhand um mit gemeinsamen Aktivitäten an die Öffentlichkeit zu gehen. Das kann die GLS Treuhand in der Vielfältigkeit ihrer Aspekte zu einem herausfordernden Begegnungs-Ort der Öffentlichkeit weiterentwickeln.

Der Auftakt der Stiftungsversammlung am 9. November wird ein Gespräch zwischen Johannes Stüttgen und Adrienne Göhler sein zum Thema:

„Was fehlt der Initiative Grundeinkommen?

(Adrienne Göhler hat ja zusammen mit Götz Werner ein Buch geschrieben: 1000 Euro für jeden.)

Nach der Kuratoriumssitzung (als Teil der Stiftungsversammlung) wird Jelle van der Meulen drei junge Gäste vorstellen und mit ihnen ein Gespräch beginnen, das dann für alle Anwesenden geöffnet wird:

 „Was ist gemeinnützig am Menschen?“

Die Gemeinnützigkeit des einzelnen Menschen – das ist Gegenstand der Förderung unserer Stiftung. Das wirft die Fragen auf: Was ist damit gemeint? Was heißt Gemeinnützigkeit?

Diese Frage ist unser Forschungsgegenstand. Und die Praxis der Förderungen, die Begegnungen mit einzelnen Menschen, sie soll der Weg sein, die Methode, diese Frage lebenspraktisch zu erforschen. Die Zukunftsstiftung Soziales Leben soll ein Ort innerhalb der Treuhand sein, an dem diese Forschung stattfindet.

Diese Forschungs-Arbeit soll öffentlich werden! Darum ist ie Stiftungsversammlung öffentlich! Gäste sind herzlich willkommen!

Ein begrenztes Budget steht uns für Reisekosten-Erstattung zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich/wendet Euch an mich: Tel. 07551-9452563 oder E-Mail: johanna.giovannini@gls.de. UND DIE DRINGENDE BITTE: Wir benötigen für die Essens-Bestellung die Teilnehmerzahl. Bitte melden Sie sich/meldet Euch bis spätestens Mittwoch, 2. November bei Louise Wächter an: Tel. 0234-5797-5123.

Herzliche Grüße
Johanna Giovannini und Jelle van der Meulen

Ich bin nicht gemeinnützig!

Von Lothar Keye

Allein schon die Vorstellung, mich durch einen oder mehrere von 25 gesetzlich vorgegebenen gemeinnützigen Zwecken [§ 52 Abs. 2 Nr. 1 bis 25 Abgabenordnung] definieren zu müssen, jagt mir Schrecken ein. Eine Zwangsvorstellung. Und das Ganze soll auch noch selbstlos betrieben werden, sagt die Abgabenordnung. Muss ich nicht erst einmal wissen, wer oder was ich selbst bin, um dann gegebenenfalls darauf verzichten zu können?

Stillleben Abstrakt

„Der Sinn des Lebens ist das Leben.“

 

Im Übrigen: Altenpflege zum Beispiel kann ich heute gewerblich oder gemeinnützig betreiben. Macht es einen Unterschied ob ich das Mittagessen kapitalistisch oder sozialistisch serviere? Vielleicht habe ich als gemeinnütziger Betreiber eine Minute mehr Zeit dafür, weil ich keine Steuern zahlen muss. Nun ja, vielleicht ein Anfang. Aber ändert das meine Mentalität?

Wilhelm Ernst Barkhoff, der Mitbegründer der GLS Treuhand und der Gemeinschaftsbank, hat kurz vor seinem Lebensende als Ausdruck einer tief empfundenen Erkenntnis gesagt: „Der Sinn des Lebens ist das Leben.“

Wenn ich das nachzuerleben versuche, heißt das für mich: Das Leben will gelebt werden, mit all seinen Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden, Abgründen und Hoffnungen. Es will gelebt werden.

Da stehe ich nun. Was sagt mein Kopf? Was fühlt mein Herz? Was treibt mein dunkler Wille?

Solange ich noch meine, die Kirschen aus Nachbars Garten pflücken oder meinen Müll dort  entsorgen zu können, betreibe ich die Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln. So ausgedrückt, durchfährt mich ein anderer Schreck. Wenn mir das nicht gelingt, mich entsprechend zu verwandeln, ist das dann für den Versuch, mein Leben als Kunstwerk zu gestalten, eine künstlerische Abweichung, das heißt meinem künstlerischen Prozess zu verdanken? Oder handelt es sich um meinen Kunstfehler – also fehlende Achtsamkeit? Oder nur um das gewöhnliche Leben?

Glücklicherweise bin ich selbst Bestandteil eines solchen Versuchs. Glücklicherweise deshalb, weil ich es immer wieder versuchen kann. Der Versuch der Freiheit ist die Freiheit.

Die Förderung als Wecker

„Ich zuckte gehörig zusammen.“

Wir schreiben 2002. Ich kündige als Lehrerin an einer Waldorfschule. Einige Wochen später treffe ich auf der Straße Ingeborg Diederich, die ich seit 1996 aus meiner Kulturamtszeit in Bochum kannte. „Wie geht es jetzt weiter bei dir?“, fragt sie mich, als sie von meiner Kündigung hört. „Das wird sich zeigen“, sage ich spontan. „Dann bist du ein Fall für uns!“, sagt sie. Sie meinte die Zukunftsstiftung Soziales Leben, zu deren Gründung in der GLS Treuhand sie 2000 das Kapital geschenkt hatte und in der sie damals noch überaus engagiert mitwirkte.

Im Januar 2003 stelle ich mich in der Zukunftsstiftung vor. Mein Anliegen war: Ein halbes Jahr Förderung, damit ich einen Erfahrungsbericht einer Lehrerin schreiben könne, eine Fährte mit Schulverweigerern. Ein Buch schreiben? Wer soll das denn lesen? Es gibt doch bereits viel zu viele Bücher? So Herbert Meier, damals Geschäftsführer der Zukunftsstiftung, bei meiner Vorstellung. Es gab eine heftige Debatte.

So begegnete ich spannenden Menschen, wie Johannes Stüttgen und Enno Schmidt, damals Geförderte der Stiftung, die sich intensiv einbrachten. Ich ging nach Hause, und sagte mir: „Egal ob ich Geld bekomme, mit dieser Stiftung will ich in Kontakt bleiben“. Vier Wochen später bekam ich die Nachricht: Für ein Jahr würde ich Geld bekommen.

Und: Was ich machen würde, sei meine Sache. Nicht das Buch wurde gefördert, sondern ich als Person. Ich zuckte gehörig zusammen.

Das hatte ich noch nie erlebt. Ich sagte mir: „Jetzt bist du dran. Keine Ausrede mehr!“ Die Förderzusage wirkte wie ein Wecker. „Was habe ich zu tun? Das Buch schreiben? Oder um was geht es wirklich?“ Zeitgleich hatte sich in Dortmund ein Initiativkreis mit Lehrern aus einem Sozialen Brennpunkt der Frage gewidmet: Was ist eine Alternative für Kinder, die Ritalin bekommen und in die Psychiatrie müssen? Was können wir tun? Vier Wochen nach der Mitteilung der Förderung sprach ich unversehens bei diesem Initiativkreis vor: „Ich will nicht ohne die Kinder darüber reden, was sie brauchen oder nicht. Ich will die Antwort auf diese Frage gemeinsam mit den Kindern suchen.“

Der Initiativkreis war innerhalb von einer Viertelstunde einverstanden. Als ich nach Hause kam, brach Panik in mir aus: „Bist du wahnsinnig? Du wolltest doch einfach das Buch schreiben.“ Und so begann völlig ungeplant und innerhalb von drei Wochen die Arbeit mit Kindern aus Dortmund-Scharnhorst. Die Kinder sprachen bald von der „Freundschaftsgruppe“, die dann Gründungsgruppe des Projektes „Außerschulischer Lernort“ wurde.

Als dies geschah, an jenem Montag vor Ostern 2003, wusste ich, dass dieses Geschehen mit dem Schenkgeld der Zukunftsstiftung Soziales Leben zu tun hatte. Es war in mir etwas geweckt worden, etwas, was tiefer lag als der mir bewusste Plan des Buches. Beim freien Schenken geht es um das Wecken von Realitäten, die sich in einer Schicht unterhalb des Planens befinden.

Man kann sich in seine Pläne einsperren und fest meinen, man nimmt die Welt richtig wahr und das, was es in ihr richtig zu tun gibt. Ich kann mich in eine Arbeit einsperren, die ich für Geld tue, im Rahmen eines Jobs. Diese Schicht wurde durch den Schock des Schenkens in mir durchbrochen. Ich sagte mir: „Red’ dich nicht mehr raus, ändere deinen Sinn: ,Schau tiefer, um was es wirklich geht, betrüge dich und damit die Welt nicht weiter!“

Schenkgeld fördert Unerwartetes und Ungeplantes, es ermöglicht, dass in der Gesellschaft ganz Neues aus verborgenen Tiefen zum Vorschein kommen kann.